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Irrungen Wirrungen

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Und muß ich mich nicht freuen, daß sie wiederkommt? Eine so hübsche Frau, so jung, so glücklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber heute darf sie nicht kommen. Um Gottes willen nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat seit drei Tagen nicht geschrieben und steht noch ganz auf dem Standpunkt der Überraschungen." Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und längst Zurückliegendes trat  statt  Käthes  wieder  vor  seine  Seele:  der  Dörrsche  Garten,  der  Gang  nach  Wilmersdorf,  die Partie nach Hankels Ablage. Das war der letzte schöne Tag gewesen, di e letzte glückliche Stunde … "Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt’ es nicht. Und ich?  Warum  bestand  ich  darauf?  Ja,  es  gibt  solche  rätselhaften  Kräfte,  solche  Sympathien  aus Himmel oder Hölle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los. Ach, sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und an Störung nicht dachten, und ic h vergesse das Bild  nicht,  wie  sie  da  zwischen  den  Gräsern  stand  und  nach  rechts  und  links  hin  die  Blumen pflückte. Die Blumen – ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bißchen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt." Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten   lag.   Die   Kühle   tat   ihm   wohl,   und   er   trat   an   einen   eleganten,   noch   aus   seiner Junggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden  ausgelegt  waren.  In  der  Mitte  dieser  Kästchen  aber  baute  sich  ein  mit  einem Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden umwunden war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während er den Faden ablöste: "Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied." Er war allein und an Überraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Tür. Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet  hatte.  "Stiehl  …  Alléh  …  Wie  diese  liebenswürdigen  ›h’s‹  mich  auch  heute  wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich  zugleich.  Alles,  was  sie  sagte,  hatte  Charakter  und  Tie fe  des  Gemüts.  Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück." Er  nahm  nun  auch  den  zweiten  Brief  und  wollte  sich  überhaupt  vom  Schluß  her  bis  an  den Anfang  der  Korrespondenz  durchlesen.  Aber  es  tat  ihm  zu  weh.  "Wozu?  Wozu  beleben  und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muß? Ich muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen selbst hinschwinden werden." Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines süßen Schmerzes verlängern wolle, ließ er jetzt Blatt auf Blatt auf die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt, war das Sträußchen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede Blume  noch  einmal  einzeln  betrachten  und  zu  diesem  Zwecke  das  Haarfädchen  lösen  müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die Blumen den Briefen nach. Ein  Aufflackern  noch,  und  nun  war  alles  vorbei,  verglommen.  "Ob  ich  nun  frei  bin?  …  Will ich’s denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden." 79
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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