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Irrungen Wirrungen

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auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit aus ins Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte. "Du  könntest  mir  mal  ‘nen  Teller  geben,  Lene,  Teller  oder  Schüssel."  Und  als  Lene  gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. "Da, Lene, das gibt ‘ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit’n Blumenkohl;  immer  Blume,  Blume,  die  reine  Einbildung.  Der  Strunk  is  eigentlich  das  Beste,  da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache." "Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?" "Der?  Ach,  Leneken,  was  der  sagt,  is  ganz  egal.  Der  red’t  doch.  Er  will  immer,  daß  ich  den Murks mit einbinde, wie wenn’s richtige Stangen wären; aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stückenzeug gradeso gut schmeckt wie’s ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, und ich ärgre mir bloß, daß so’n Mensch, dem es so zuwächst, so’n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie gen ug kriegen." "Ja", lachte Lene, "geizig is er und ein bißchen wunderlich. – Aber eigentlich doch ein guter Mann." "Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er da.  Un  nu  sieh  ihn  dir  an.  Es  is  doch  eigentlich  man  ein  Jammer  mit  ihm,  un  dabei  richtige Sechsundfünfzig, un vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch, wenn’s ihm gerade paßt. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl’ ihm immer von Schlag und Schlag und zeig’ ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es  nich.  Es  kommt  aber  doch  so.  Ja,  Leneken,  ich glaub’ es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag’ ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so  liegt  er.  Aber  was  reden  wir  von  Schlag  und  Dörr,  un  daß  er  bloß  O-Beine  hat.  Jott,  mein Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie ‘ne Tanne. Nich wahr, Lene?" Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: "Der Bolzen ist kalt geworden." Und vom Plättbrett zurücktretend, ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten,  klappte  das  Türchen  wieder  ein  und  sah  nun  erst,  daß  Frau  Dörr  noch  immer  auf Antwort wartete. Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu: "Kommt er denn heute?" "Ja. Wenigstens hat er es versprochen." "Nu sage mal, Lene", fuhr Frau Dörr fort, "wie kam es denn eigentlich? Mutter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man immer soso, nich hü un nich hott. Und immer bloß halb un so konfuse. Nu, sage du mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?" "Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon so warm, als ob Pfingsten wär’, und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte, nahmen wir einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina ist, setzte sich ans  Steuer." "Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge." "Freilich.  Aber  er  meinte,  daß  er’s  verstünde,  und  sagte  bloß  immer:  ›Mächens,  ihr  müßt stillsitzen; ihr schunkelt so‹, denn er spricht so furchtbar berlinsc h. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, daß es mit seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaßen wir’s  wieder  und  ließen  uns  treiben  und  neckten  uns  mit  denen,  die  vorbeikamen  und  uns  mit Wasser  bespritzten.  Und  in  dem  einen  Boote,  das mit unsrem dieselbe Richtung hatte, saßen ein paar  sehr  feine  Herren,  die  beständig  grüßten,  und in unsrem Übermute grüßten wir wieder, und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat, als ob sie die Herren kenne, was aber gar nicht der Fall  war,  und  wollte  sich  bloß  zeigen,  weil  sie  noch  so  sehr  jung  ist .  Und  während  wir  noch  so lachten  und  scherzten  und  mit  dem  Ruder  bloß  so  spielten,  sahen  wir  mit  einem  Male,  daß  von 7
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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