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Irrungen Wirrungen

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Es hilft nichts. Also Resignation. Ergebung ist überhaupt das Beste. Die Türken sind die klügsten Leute." Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draußen ließ ihn während dieses Selbstgesprächs auf den Vorgarten  blicken  und  dabei  des  eben  eingetretenen  Briefträgers  gewahr  werden,  der  ihm  gleich danach  unter  leichtem  militärischen  Gruß  und  mit  einem  "Guten  Morgen,  Herr  Baron"  erst  eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung  beiseite,  zugleich  den  Brief  betrachtend,  auf  dem  er  die  kleine,  dichtstehende,  trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt hatte. "Dacht’ ich’s doch …  Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene." Und nun brach er den Brief auf und las: "Schloß  Zehden.  29.  Juni  1875.  Mein  lieber  Botho.  Was  ich  Dir  als  Befürchtung  in  meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich nun erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ›aus alter Freundschaft‹ hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn  es  mir  eine  Verlegenheit  schaffe.  Denn  er  wisse  wohl,  was  er  dem  Andenken  des  seligen Herrn  Barons  schuldig  sei.  Diese  Hinzufügung,  so  gut  sie  gemeint  sein  mag,  ist  doch  doppelt empfindlich  für  mich;  es  mischt  sich  so  viel  prätentiöse  Rücksichtnahme  mit  ein,  die  niemals angenehm  berührt,  am  wenigsten  von  solcher  Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton würde helfen, wie schon bei frührer  Gelegenheit,  er  liebt  mich  und  vor  allem  Dich,  aber  seine  Geneigtheit  immer  wieder  in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm,   trotz   meines   redlichen   mich   Kümmerns   um   die   Wirtschaft,   nicht   wirtschaftlich   und anspruchslos  genug,  worin  er  recht  haben  mag,  und  Du  bist  ihm  nicht  praktisch  und  lebensklug genug, worin er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre  gute  Mark  Brandenburg  ist  die  Sparsamkeits-  und  wo  geholfen  werden  soll,  sogar  die Ängstlichkeitsprovinz, aber so gentil er ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er sagte mir,  als  ich  letzthin  Veranlassung  nahm,  der  uns  abermals  drohenden  Kapitalskündigung  zu gedenken: ›Ich stehe gern zu Diensten, Schwester, wie du weißt, ab er ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke Zumutungen an die Seite meines Charakters,  die  nie  meine  hervorragendste  war:  an  meine  Nachgiebigkeit  …‹  Du  weißt,  Botho, worauf sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute Dir ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, mir ans Herz gelegt wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schließen, mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten, und doch fürcht’ ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht w eißt. Ich sage nicht mehr." Rienäcker  legte  den  Brief  aus  der  Hand  und  schritt  im  Zimmer  auf  und  ab,  während  er  den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und las  weiter.  "Ja,  Botho,  Du  hast  unser  aller  Zukunft  in  der  Hand  und  hast  zu  bestimmen,  ob  dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag’ ich, aber, wie ich freilich hinzufügen muß, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr. Auch   darüber   hat   Onkel   Kurt   Anton   mit   mir   gesprochen,   namentlich   im   Hinblick   auf   die Sellenthiner Mama, die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor, in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit  ausgesprochen  hat.  Ob  das  Haus  Rienäcker  vielleicht  glaube,  daß  ein  immer  kleiner werdender  Besitz,  nach  Art  der  Sibyllinischen  Bücher  (wo  sie  den  Vergleich  her  hat,  weiß  ich nicht), immer wertvoller würde? Käthe werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton der großen Welt und  verfüge  mit  Hilfe  der  von  ihrer  Tante  Kielmannsegge  herstammenden  Erbschaft  über  ein Vermögen,   dessen   Zinsbetrag   hinter   dem   Kapitalsbetrag   der   Rienäckerschen   Heide   samt Muränensee  nicht  sehr  erheblich  zurückbleiben  werde.  Solche  junge  Dame  lasse  man  überhaupt 49
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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