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Irrungen Wirrungen

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"Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche werden?  Und  ich  dachte,  Du  müßtest  den  andern  Tag  wiederkommen,  so  glücklich  war  ich  den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich schon und sagt: ›Er kommt nicht wieder.‹ Ach, wie mir das immer einen Stich ins Herz gibt, weil es ja mal so kommen muß und weil ich fühle, daß es jeden Tag kommen kann. Daran wurd’ ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab’ ich nicht die Wahrheit gesagt, ich habe Dich gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer Seitenallee, und habe Dich eine Stunde lang auf und ab reiten sehn. Ach, ich freute mich über die Maßen, denn Du warst der stattlichste (beinah so stattlich wie Frau Dörr, die sich Dir emphelen läßt), und ich hatte solchen Stolz, Dich zu sehn, daß ich nicht einmal eifersüchtig  wurde.  Nur  einmal  kam  es.  Wer  war  denn  die  schöne  Blondine  mit  den  zwei Schimmeln, die ganz in einer Blumengirlande gingen? Und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl. So was Schönes hab’ ich all mein Lebtag nicht gesehn. Als Kind hätt’ ich gedacht, es müss’ eine Prinzessin sein, aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen nicht immer die schönsten sind. Ja, sie war schön und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du gefiehlst ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schönen Blondine saß, der gefiehlst Du noch besser. Und das ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich Dich, wenn’s durchaus sein muß.  Aber einer alten! Und nun gar einer Mama? Nein, nein, die hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, daß Du mich wieder gut machen  und  beruhigen  mußt.  Ich  erwarte  Dich  morgen  oder  übermorgen.  Und  wenn  Du  nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn es nur eine Minute wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um mich. Du verstehst mich schon. Deine Lene." "Deine Lene", sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin, und eine Unruhe  bemächtigte  sich  seiner,  weil  ihm  allerwiderstreitendste  Gefühle  durchs  Herz  gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt’ er sich nicht   versagen,   ein   Strichelchen   mit   dem   silbernen   Crayon   zu   machen,   aber   nicht   aus Schulmeisterei,   sondern   aus   eitel   Freude.   "Wie   gut   sie   schreibt!   Kalligraphisch   gewiß   und orthographisch   beinah   …   Stiehl   statt   Stiel   …   Ja,   warum   nicht?   Stiehl   war   eigentlich   ein gefürchteter Schulrat, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner. Und ›emphelen‹. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen? Großer Gott, wer kann ›empfehlen‹ richtig schreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt’s! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender." Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte die Hand über Stirn und Augen: "Arme Lene, was soll werden! Es wär’ uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau und Wasserfahrten? Und nun der Onkel! Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich aus sich selbst, aus eigner Initiative. Nun, ich werde ja sehen. Eine diplomatische Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn Eide geschworen hat zu schweigen, es kommt doch heraus. Ich will’s schon erfahren, trotzdem ich in der Kunst der Intrigue gleich nach ihm selber komme." Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf, darin, von einem roten Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er nach dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich  sein  sollte.  "So,  Johann,  das  wäre  getan  …  Und  nun  vergiß  nicht,  die  Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer kommt und nach mir fragt, bis zwölf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brütofen vorfinde. Und laß die Lampe vorn brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die Mücken sind wie toll in diesem Jahr. Verstanden?" "Zu Befehl, Herr Baron." Und unter diesem Gespräche, das schon halb im Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten die dreizehnjährige, sich gerad über den Wagen ihres kleinen Bruders beugende Portiertochter von hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmoment ebenso rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick als Antwort dar auf. Und   nun   erst   trat   er   durch   die   Gittertür   auf   die   Straße.   Hier   sah   er,   unter   der   grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor und dann wieder nach dem Tiergarten zu, wo sich, 19
  
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von Helmut Köhler
Siehe auch:
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